Otto ist angekommen, die Vogelwache hat ihren Dienst angetreten
Vor drei Jahren saßen sie schon einmal zusammen mit der Redaktion bei Brezelkönigin Marion Enbergs. Damals allerdings mit einer völlig anderen Gefühlslage. Die Krönung lag gerade hinter ihnen, vor ihnen lagen drei Jahre als Schützen- und Brezelkönigspaar. Niemand wusste, was auf sie zukommen würde.
Heute, wenige Wochen vor dem nächsten Schützen- und Brezelfest, sitzen Bernd Benien und Anne Bornemann sowie Michael Möllmann und Marion Enbergs erneut gemeinsam mit uns am Tisch, diesmal zum Abschied. „Wo sind die drei Jahre geblieben?“, fragt Schützenkönig Bernd und schaut in die Runde. Eine Antwort darauf findet eigentlich niemand.
„Wenn man so zurückdenkt, fällt einem erst gar nicht so viel ein“, sagt Enbergs. „Aber wenn man dann durchs Handy scrollt und die ganzen Bilder sieht, merkt man erst, was alles passiert ist.“ Drei Jahre, die sich im Alltag oft ganz normal anfühlten und im Rückblick voller Erinnerungen stecken.
Natürlich erinnern sich beide Königspaare noch genau an die Tage ihrer Krönung. Für die Schützen war es vor allem der Montag, für die Brezelaner der Dienstag, an dem sich das Leben für einen Moment auf den Kopf stellte. Doch je länger sie überlegen, desto klarer wird: Es sind gar nicht unbedingt diese offiziellen Höhepunkte, die geblieben sind.
„Es ist ganz schwer, einen besonderen Moment herauszupicken“, sagt Brezelkönig Michael Möllmann. Da waren gemeinsame Ausflüge, unzählige Vereinsfeste, Begegnungen mit Menschen, die sie vorher kaum kannten. Und immer wieder Augenblicke, die gar nicht geplant waren. „Das sind genau die schönen Momente“, sagt Schützenkönigin Anne Bornemann. „Die kann man eben nicht planen.“
Je näher das Ende ihrer Regentschaft rückt, desto mehr verdichten sich die Termine noch einmal. Gerade jetzt, wenige Wochen vor dem großen Fest, jagt ein Termin den nächsten. „Die letzten Monate sind deutlich intensiver als die ersten Jahre“, erzählt Bernd Benien. „Jetzt merkt man erst richtig, dass das Ende vor der Tür steht.“
Ein Bild wird dem Brezelkönigspaar besonders im Gedächtnis bleiben: Beim Ausmarsch im vergangenen Jahr zog eine riesige Menschenmenge vom Hof des Brezelkönigs über den Hof der Familie Enbergs. Von oben fotografiert, mit Drohnenbildern festgehalten, wurde ihnen erst richtig bewusst, wie viele Menschen das sind. „Das war schon bewegend“, erinnert sich Königin Marion. „Wenn man das von oben sieht und der ganze Hof voller Menschen ist, das erlebt man nur einmal.“ Solche Momente seien es, die man erst im Nachhinein richtig begreife.
Fast noch wichtiger als die offiziellen Termine sind für beide Königspaare jedoch die Menschen, die sie in den vergangenen drei Jahren kennengelernt haben. „Ich habe heute Kontakt zu ganz vielen Menschen, mit denen ich vorher überhaupt nichts zu tun hatte“, erzählt Michael Möllmann. Als Majestäten werde man überall angesprochen. Menschen kommen auf einen zu, suchen das Gespräch oder laden einen zu Veranstaltungen ein. „Man ist einfach überall willkommen“, freut sich Bernd Benien.
Aus vielen Bekanntschaften sind inzwischen Freundschaften geworden. Mittlerweile fahren einige von ihnen gemeinsam übers Wochenende weg oder treffen sich regelmäßig. „Diese Freundschaften wären ohne die Regentschaft wahrscheinlich nie entstanden“, sagen die Majestäten.
Eine Erkenntnis teilen alle vier ebenfalls: Wer das Schützen- und Brezelfest nur als Besucher kennt, unterschätzt völlig, wie viel Arbeit dahintersteckt. „Früher bin ich einfach feiern gegangen“, sagt Anne Bornemann und lacht. „Ich habe ehrlich gesagt gar nicht geschnallt, wie viel Arbeit die Vorstände eigentlich haben.“ Heute weiß sie es besser.
Monatelang beschäftigen sich die Verantwortlichen mit Sicherheitskonzepten, Verkehrsregelungen, Behörden, Genehmigungen und organisatorischen Fragen. Hinzu kommen die Vorbereitungen der Reiter, der Festwagen und der zahlreichen Gruppen. „Man sieht am Ende nur die Parade“, sagt die Schützenkönigin. „Aber dahinter steckt unglaublich viel ehrenamtliche Arbeit.“
Selbst Dinge, über die Besucher kaum nachdenken, benötigen einen enormen Aufwand. Festwagen müssen technische Auflagen erfüllen, Pferde und Reiter trainieren wochenlang für ihre Auftritte und auch die Sperrungen im Ortskern wollen sorgfältig vorbereitet sein. „Das unterschätzt man komplett“, sind sich beide Königspaare einig.
Mindestens genauso wichtig wie der Zusammenhalt in den Gesellschaften sei allerdings der Rückhalt zu Hause. „Das ist eine Familiensache“, sagt Enbergs. Wer König oder Königin wird, bringt automatisch auch Partner, Kinder und Familie mit ins Amt. „Wenn die Familie nicht dahintersteht, funktioniert das nicht.“ Gerade in den vergangenen Monaten seien die Termine deutlich mehr geworden. Dass ihre Familien dabei immer mitgezogen hätten, sei alles andere als selbstverständlich.
Persönlich verändert habe das Amt sie eigentlich nicht, erzählen die vier. „Wir müssen trotzdem arbeiten gehen, einkaufen, den Müll rausbringen oder den Haushalt machen“, sagt Bernd Benien und lacht. Und doch habe die Regentschaft Spuren hinterlassen.
Sie hätten gelernt, wie belastbar sie sein können. Wie wenig Schlaf manchmal ausreichen müsse. Und vor allem, wie viele schöne Begegnungen entstehen, wenn man einfach offen auf Menschen zugeht.
„Man sollte jede Gelegenheit mitnehmen“, sagt Michiael Möllmann. Genau diesen Rat möchten sie auch ihren Nachfolgern mit auf den Weg geben. „Nicht zu viel nachdenken“, ergänzt Bernd Benien. „Einfach machen. Alles mitnehmen. Das kommt nie wieder.“
Dass ihre Regentschaft bald endet, stimmt die vier durchaus nachdenklich. „Es macht einfach Spaß“, sind sie sich einig. Anne Bornemann bezeichnet sich lachend als ehemaligen „Couch Potato“. Durch das Amt sei sie viel unterwegs gewesen und habe Dinge erlebt, die sie sonst vielleicht nie gemacht hätte.
Trotzdem fällt der Abschied nicht ganz so schwer. „Man fällt weich“, sagt Michael Möllmann. Schließlich bleiben Freundschaften, Stammtische und die enge Verbindung zu den Gesellschaften bestehen. Künftig werden sie wieder ganz normal mitmarschieren oder in der Kutsche der ehemaligen Majestäten mitfahren und das Fest genießen. Ganz loslassen müssen sie natürlich nicht.
Zum Schluss müssen die vier gar nicht lange überlegen, was das Schützen- und Brezelfest in Kirchhellen eigentlich so besonders macht. Es ist nicht nur die Größe des Festes. Es ist das Miteinander. „Hier feiern Jung und Alt zusammen. Arm und Reich. Groß und Klein“, sagt Michael Möllmann.
Menschen öffnen ihre Höfe für hunderte Gäste, packen gemeinsam an, Freunde reisen aus ganz Deutschland an und Familien kommen zusammen. Selbst Verwandte, die längst weggezogen sind, kehren für diese Tage nach Kirchhellen zurück.
Und genau das macht das Fest für die vier aus: Es geht nicht nur um Paraden oder Uniformen. Es geht um ein Dorf, das alle drei Jahre für ein langes Wochenende zusammenrückt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum sie sich alle dieselbe Frage stellen. Wo sind diese drei Jahre eigentlich geblieben? Eines ist klar: Sie gingen viel zu schnell vorbei.